{"id":478,"date":"2010-12-03T22:11:57","date_gmt":"2010-12-03T20:11:57","guid":{"rendered":"http:\/\/soerenhese.de\/sailpower-blog\/?p=478"},"modified":"2010-12-10T16:03:55","modified_gmt":"2010-12-10T14:03:55","slug":"bahnfahren-ist-schon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sailpower.de\/?p=478","title":{"rendered":"Bahnfahren ist sch\u00f6n &#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mal eine Anekdote vom Pendeln mit der Bahn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bin ja recht viel mit der Bahn unterwegs zwischen Berlin und Th\u00fcringen, und da kann man viel erleben. Wirklich! Vor allem im Winter ist es wild. Nicht da\u00df der Sommer in der Bahn langweilig w\u00e4re. Da \u00fcberf\u00e4hrt man schon mal eine Kuh mit 190 km\/h (in 2009) oder dient den Selbstm\u00f6rdern als Masse zur Vollendung Ihres Lebens (passiert j\u00e4hrlich). Ersteres war unangenehm (wegen der dramatischen Vollbremsung: der Vielfahrer guckt dann instinktiv zur Decke hoch, da sich dort bei diesen Gelegenheiten immer ein monstr\u00f6ser Schalenkoffer der Tr\u00e4gheit entsprechend zu bewegen beginnt),\u00a0 eine Kuh zu treffen ist doch eher kurios und vor allem \u00e4sthetisch eine Sauerei. Die Selbstm\u00f6rder machen einen aber echt betroffen &#8211; (verharmlosender DB Jargon: &#8220;Unfall mit Personenschaden&#8221; &#8211; wobei mir &#8220;Schaden&#8221; immer irgendwie merkw\u00fcrdig vorkommt, eher erinnert an die kaputten Sto\u00dfd\u00e4mpfer meines Volvos) vor allem ist man betroffen, wenn man in die blassen Gesichter der Zugbegleiter guckt, die sich erstmal zur geistigen Sammlung zur\u00fcckziehen m\u00fcssen, nachdem sie hinten aus dem Zug zur\u00fcckgeschaut haben. Dann der Staatsanwalt und die Mediziner, die anr\u00fccken, um die Situation zu untersuchen. 2 Stunden Pause sind dann garantiert, h\u00e4tte ja jemand schubsen k\u00f6nnen oder sowas und irgend jemand muss auch den Zug noch genau untersuchen, und ein neuer Zugf\u00fchrer muss her. Wenn im Sommer dann noch 35Grad C Au\u00dfentemperatur herrschen, dann kommt man schon mal ins Schwitzen und versucht sich maximal zu entbl\u00f6\u00dfen ohne anst\u00f6\u00dfig auszusehen. Ab einem gewissen Alter ist ja alleine dies schon stressbehaftet. Der Vielfahrer will ja keinen Disput in der hei\u00dfen R\u00f6hre, sondern eigentlich nur seine Ruhe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der\u00a0 Winter &#8230; der ist eine ganz besondere Erfahrung in der Bahn. Das muss an den sibirischen Impressionen liegen beim Bahnfahren. Da zischt diese wei\u00dfe Schlange von Schnee umst\u00e4ubt durch das Land &#8211; vielleicht vergleichbar mit dem visuellen Impakt der alten Dampflocks &#8211; verliert hier und da Autoreifen gro\u00dfe Eisklumpen, die sich donnernd im Gleisbett zerkleinern und man muss zwanghaft an diese Schmonzette: &#8230;. &#8220;Dr. Schiwago&#8221; denken oder so &#8230; . Sitzt man dann drin im Zug, f\u00fchlt es sich an wie auf Tauchfahrt: drau\u00dfen die kalte, schneeverhangene Dunkelheit, drinnen gut gew\u00e4rmt glimmt das Notebook-Display und man schl\u00fcrft an einer warmen Tasse Tee oder f\u00e4llt auf die s\u00fcndhaft teuren Angebote der DB Snackbar herein (der Vielfahrer kauft da nur mit Verzehrgutscheinen, die er sich von seinen 10000 Bonuspunkten stapelweise zuschicken lassen k\u00f6nnte, wenn des Vielfahrers Frau nicht lieber f\u00fcr die Punkte das Hotelwochenende in Warnem\u00fcnde buchen wollen w\u00fcrde &#8230; verdammt).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tja soviel zu den netten Aspekten des Winter-Vielfahrens. Leider sind Teile der Bahntechnik nicht ganz kompatibel mit tiefen Temperaturen. Das f\u00fchrt immer wieder zu Komplikationen. Gerade vorgestern wieder kam es ganz dicke: -10 Grad Celsius (au weia &#8211; sibirische Winterverh\u00e4ltnisse in Deutschland) und sage und schreibe 8 cm Schnee! und das vor Leipzig, wo ja im Prinzip niemand lebt, um f\u00fcr das gro\u00dfe DB-Unternehmen zu arbeiten. Tja, zuerst dachte ich ja: naja, der \u00fcbliche Auflauf bei einem Kopfbahnhof, sind halt alle Gleise belegt, aber dann wurde irgendwie gar keines frei, und der Zug bewegte sich geschlagene 3 Stunden \u00fcberhaupt und gar nicht. Dabei war der Hauptbahnhof Leipzig sozusagen in Sichtweite.\u00a0 Besonders aufheiternd die Erkl\u00e4rung des Zugbegleiters: &#8220;&#8230; ein Team von DB-Mitarbeitern ist unterwegs, um die eingefrorene Weiche freizuarbeiten, leider schneit immer die Weiche wieder zu, an der das Team vorher gearbeitet hat &#8230;&#8221;. Da k\u00f6nnte man doch glatt an die Leiden des Sysiphus denken bei soviel Aufopferung f\u00fcr den DB-Kunden. Es soll ja auch Weichenheizungen geben, die das Einfrieren verhindern sollen. Es k\u00f6nnte ja auch noch k\u00e4lter werden und dass der Winter kommt, daran hat ja wirklich keiner denken k\u00f6nnen. Und da\u00df &#8220;ein Team&#8221; auf dem Weg ist, klingt auch sch\u00f6n heroisch: die k\u00e4mpfen sich zu uns durch! oder: die werden uns retten! Wenn man aus dem verschneiten Fenster guckt, sieht man aber niemanden. Naja, noch unterhaltsamer die vielen Telefonate der vielen Sitznachbarn, die merkw\u00fcrdigerweise alle das Gleiche berichten: &#8221; Mama mach Dir keine Sorgen &#8230; , mir geht es gut &#8230;, hier ist es warm &#8230; , eine Weiche ist eingefroren &#8230; , unglaublich ne &#8230; , die Bahn wieder &#8230; usw. Es gibt aber auch erquickende Ausnahmen. Vorgestern muss jemand mit krankhaftem Freiheitsdrang die Bahn bestiegen haben, zumindest entwickelte sich das Telefonat mit Mama ganz anders als ich das sonst so gewohnt bin: es war eher so: &#8220;Mensch Mama ick will hier raus!\u00a0 Ich raste gleich aus! Mensch!!!, Ick sitze hier schon 3 Stunden in dier R\u00f6hre, ick WILL RAUSSS verdammt, ich schlach jleich ne Scheibe ein oder so, Mama ich h\u00e4tt doch mein Mittelchen mitnehme m\u00fcsse, ch will wieder nach M\u00fcnche zur\u00fcck, nach Hause! [springt ruckartig aus dem Sessel auf] Dis hab ich mir schon jedacht, dass det janz bl\u00f6d wird! mit dem Wegfahrn un so.\u00a0 [L\u00e4sst sich wieder mit massigem Schwung in den Sitz fallen, sodass das Notebook des Sitznachbarn auf der Ablage hinter ihm einen knarzigen Sprung in die H\u00f6he macht]&#8221;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann wird der Mann dann von den um ihn herum sitzenden \u00e4lteren Frauen beruhigt: &#8220;Junger Mann, ist doch allet jut, hier isses doch warm, beruhigen Sie sich doch mal!&#8221; Andere sind da weniger verst\u00e4ndnissvoll: &#8220;Mensch Alter, ich will deine Privatgeschichten nicht mith\u00f6ren hier! klar? ok? das nervt!&#8221; Tja so unterschiedlich sind die Geschm\u00e4cker. Ich finde solche Details ja immer erheiternd (wenns mich nicht zu direkt betrifft), sp\u00fcre aber gleichzeitig diese diffuse Beklemmung, die sich breit macht, wenn man mit unkalkulierbaren menschlichen Gef\u00fchlsausbr\u00fcchen in geschlossenen R\u00e4umen ohne erkennbaren Fluchtweg konfrontiert wird (Gedankenfetzen durchschwirren des Vielfahrers Gem\u00fct: muss ich mich gleich verteidigen? wird er gleich die Frau gegen\u00fcber angreifen? oder gar mit einem Ger\u00e4t der n\u00e4chsten Wahl (meinem Notebook) zuhauen?\u00a0 usw.\u00a0 uhh &#8211; wer Phantasie hat, der\u00a0 ist halt nicht zu beneiden und muss unfair viel leiden im Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angenehm fallen dem Vielfahrer immer die Leute auf, die dann eine akademische Diskussion in gepflegtem Stil starten, und sich \u00fcber ihr s\u00fcndhaft teures iPhone am Notebook sofort schnell mal Spiegel-Online auf das Display holen (es k\u00f6nnte ja ne Bombenwarnung oder gar nen Anschlag im Leipzig Hauptbahnhof sein) oder die gro\u00dfartige DB-Webseite nach &#8220;Aktuelle Meldungen&#8221; durchforsten. Da geht der Vielfahrer dann gerne r\u00fcber und erkundigt sich ganz professionell: &#8220;Steht alles?&#8221; oder so: &#8220;Haben Sie Netz?&#8221;. Ein wissendes Nicken und dann setzt man sich schnell wieder, nachdem man auf DB Aktuell gesehen hat, dass der eigene Zug gerade 240 Minuten Versp\u00e4tung hat (war ja auch nicht zu erwarten, dass die Bahn das mitbekommen hat). Der Vielfahrer will seine Ruhe und die Ruhe auch bewahren und lieber wieder eine Runde am Notebook arbeiten, der Vf will sich ja von den schnatternden Wenigfahreren auch abgrenzen, die die ganze Zeit v\u00f6llig sinnfrei alle m\u00f6glichen Gr\u00fcnde des mehrst\u00fcndigen Verharrens dieses Zuges im Schnee er\u00f6rtern m\u00fcssen. Versp\u00e4tungen von mehr als 2h sind selbst beim Vielfahrer eine Ausnahme, aber das kann man sich nat\u00fcrlich nicht anmerken lassen, au\u00dferdem: die Zeit muss schlie\u00dflich sinnvoll genutzt werden. So bleibt es bei einem &#8220;kann man nix machen&#8221; und l\u00e4ssigem Schulterzucken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tja, ein echtes Highlight ist f\u00fcr den Vielfahrer aber das Palaver mit dem alten Zugschef, der sich auch eigentlich nur auf sein nettes Zuhause in Hamburg und seine aktuelle Forsyth-Lekt\u00fcre freut und den jungen Vielfahrer-BC100-Schn\u00f6sel missbilligend als &#8220;nicht-DB-insider&#8221; erkennt. Diese Uralt-DBler kurz vor der Pensionierung\u00a0 sind \u00fcberhaupt das, was einen dann einzig und alleine wieder aufbauen kann. Strotzend vor guter Laune, obwohl die Leute nur rumn\u00f6len und rump\u00f6beln, immer eine Anekdote auf Lager und von offenherziger Ahnungslosigkeit in Bezug auf die Absichten der DB-Netzleitung, sodass man sich sofort verbunden f\u00fchlt mit dem armen DB-Fast-Ruhest\u00e4ndler und ihm insgeheim nur w\u00fcnschen kann, dass sich dieser verdammte ICE-T endlich wieder etwas bewegt &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">was er dann auch tut &#8230; f\u00fcr 400 Meter,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">nur um dann in Leipzig weitere 2 Stunden zu parken.\u00a0 Angenehmerweise sind da noch andere Z\u00fcge. Ist ja nen sch\u00f6n gro\u00dfer Kopfbahnhof. So ist man gemeinsam am Erleben &#8211; das macht doch fast etwas Spass! Die anderen ICEs sind da nat\u00fcrlich auch nicht freiwillig. Stimmungserhebende Ansage: &#8221; &#8230; der Zugverkehr in ganz S\u00fcdostdeutschland ist zum Erliegen gekommen &#8230;&#8221; Wie kommt sowas wohl zum Erliegen? 8 cm Schnee? So macht sich im ICE angenehme Nachtruhe breit, die letzten Reste des Bistros werden gepl\u00fcndert,\u00a0 ein Kind schreit im Familienabteil, weil es nicht einschlafen kann (&#8220;ist ja wie Zuhause&#8221; kommentiert ein Pappa und erntet prustendes\u00a0 Gel\u00e4chter). Manch einer verabschiedet sich noch telefonisch mit GuteNacht-Schmatzi vom Schatzi und kuschelt sich dann in eine f\u00f6tale Schlafstellung.\u00a0 Irgendwann gegen 0.45 rollt der ICE dann doch noch nach Berlin\/Hamburg los, kaum zu glauben, es gibt spontanen Applaus im Gro\u00dfraumabteil &#8211; irgendwie so wie damals als man noch nach jeder Landung mit einem Jet applaudiert hat, noch am Leben zu sein. Es d\u00e4mmert auch vielen Leuten, dass die anderen Z\u00fcge wohl die Nacht \u00fcber in Leipzig bleiben. Mit halber Geschwindigkeit nach Berlin und in Bewegung. Gegen 2.15 dann endlich Land in Sicht: Berlin S\u00fcdkreuz wird ausgerufen! Kaum zu glauben: nach knapp 9 Stunden ist die Distanz Jena\/Berlin \u00fcberwunden. Beim Aussteigen bewundere ich noch meinen Lieblingsschaffner\/den gro\u00dfen HELD, wie er die kleinen Trittstufen der ICE-T\u00fcren mit seinen Dienstschuhen bearbeitet. Die allgemeine Vereisung hat aus dem ICE-Unterbau wohl die glasierte Struktur eines Adventshexenh\u00e4u\u00dfchens gemacht. Schick anzusehen, aber die T\u00fcren wollen ohne Tritt nicht mehr recht schlie\u00dfen, sieht irgendwie russisch &#8211; praktisch aus das Ganze und da fahren die Z\u00fcge ja auch bei JEDEM Wetter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Naja das Drama und der HELD (der alte Schaffner und das Eis) haben sich per Rolltreppe meinen Blicken entzogen und ich hab mich noch eine Stunde auf dem Fahrrad durch den Schnee gew\u00fchlt &#8211; nicht ohne 2x meinen Tiefschnee bedingten Radler-Hunger-Ast per Snickers mit einem Zucker-Peak zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuhause dann endlich um 3 Uhr morgens,\u00a0 erstmal nen Shiraz ge\u00f6ffnet &#8211;\u00a0 huuuh was f\u00fcr ein Ritt! Vielleicht &#8220;to be continued&#8221; &#8211; der Winter beginnt ja erst. Dann aber mit Foto-Doku dazu :)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">S.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mal eine Anekdote vom Pendeln mit der Bahn. Bin ja recht viel mit der Bahn unterwegs zwischen Berlin und Th\u00fcringen, und da kann man viel erleben. Wirklich! Vor allem im Winter ist es wild. Nicht da\u00df der Sommer in der Bahn langweilig w\u00e4re. 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